Das Kreuz mit den Aliens

Von | 16. Dezember 2020

In der Münchner Kirchenzeitung erschien in der Ausgabe 50/2020 als Themenschwerpunkt „Unendliche Weiten“ auch mein Artikel über Aliens und ihre Auswirkungen auf den christlichen Glauben. An dieser Stelle mit Dank an den zuständigen Redakteur Joachim Burghardt.

32000 beobachtbare Galaxien
32000 beobachtbare Galaxien

Astrophysiker treiben die Zahlen, wie viele Sterne und Planeten es im Universum geben könnte, in regelmäßigen Abständen nach oben. Im Moment liegen wir bei einer Schätzung von über zwei Trillionen Galaxien. Astrobiologen wären hingegen froh, wenn sie zumindest eine eindeutig außerirdische Mikrobe finden würden.

Eines ist sicher: Das Universum ist so beschaffen, dass es intelligentes Leben hervorbringen kann. Wir sind der Beweis. Auch wenn manche einwenden, mit der Intelligenz der irdischen Bewohner wäre es nicht so weit her.

Solange Astrophysiker und Astrobiologen nichts anderes erzählen, spricht wenig dagegen, dass die Prozesse, wie sie hier auf der Erde zur Entstehung des Lebens geführt haben, nicht auch auf anderen Planeten ablaufen könnten, sofern die Bedingungen geeignet sind. Mit theologischen Argumenten zu begründen, was im Universum existieren darf und was nicht, hat in der Theologiegeschichte selten zu überprüfbaren Erkenntnissen geführt. Im Gegenteil.

Das Überdenken christlicher Überzeugungen im Lichte neuer Daten aus dem Gebiet der Naturwissenschaften ist nichts Neues in der Geschichte des Christentums. Sein Untergang wurde vorhergesagt, als Kepler und Kopernikus die Erde aus dem Zentrum unserer Galaxie verbannten. Der Mensch war in Raum und Zeit nicht mehr der Mittelpunkt der Schöpfung. Nach Darwin kann der Mensch im Vergleich zu anderen Geschöpfen keine ontologische Sonderstellung einnehmen. Nach Sigmund Freud ist die Vernunft- und Geistbegabung nicht unbedingt das bestimmende Element, so dass er gegenüber dem Unbewussten noch nicht einmal mehr Herr im eigenen Hause wäre. Sollte sich nun herausstellen, dass es noch andere intelligente Wesen im Universum gäbe, denen Gott mindestens genauso zugetan wäre wie den Menschen, so wäre auch eine soteriologische Sonderstellung des Menschen hinfällig. Das Heilsgeschehen, auf das wir uns im Advent besinnen, würde in einem unendlichen homogenen Universum keinen Sinn mehr machen. Wie soll am Rande des Universums in einer Krippe liegend die gesamte Schöpfung errettet worden sein? Und wie soll das einem Andersgläubigen vermittelt werden?

Einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika zur Zeit der Aufklärung, Thomas Paine (1737-1809), sagte angesichts eines riesigen Universums: „Woher konnte nur die seltsame Vorstellung kommen, dass der Allmächtige, der Millionen von Welten gleichermaßen unter seinem Schutz hatte, die Fürsorge für alle anderen aufgeben und zum Sterben in unsere Welt kommen sollte, weil, so heißt es, ein Mann und eine Frau einen Apfel gegessen hätten!” Um andere Geschöpfe gleichermaßen zu erlösen, hätte „in diesem Fall die Person, die als Sohn Gottes und manchmal auch als Gott selbst bezeichnet wird, nichts anderes zu tun, als von Welt zu Welt zu reisen, in einer endlosen Folge von Geburt, Tod und Auferstehung und einer kurzen Zeitspanne des Lebens.” Da dies offensichtlich absurd ist, kann nur eines von beiden Überzeugungen wahr sein: Entweder ist das Christentum wahr, oder das Universum ist unendlich groß, so dass die Existenz von Aliens naheliegt. Im zweiten Fall zieht das Christentum den Kürzeren und sollte auf dem Schutthaufen der Geschichte landen. Aus dieser Universalkritik am Christentum heraus hat sich die Exotheologie entwickelt. Der Name orientiert sich an den Spezialfächern der Exobiologie, Exochemie oder Astrobiologie. Nur Astrotheologie könnte mit Astrologie verwechselt werden.

Der Theologe Brian Hebblethwaite war noch in den 1960er Jahren der Überzeugung, dass die Einzigartigkeit der Inkarnation als die höchste und endgültige Offenbarung an die Menschheit der Beweis dafür wäre, dass keine andere Spezies, intelligent und in der Gnade Gottes stehend, existieren würde. Nun gibt es in Kalifornien das SETI-Institut, das sich auf die Suche nach Aliens macht. Mit nur einem einzigen Treffer wäre die gesamte Theologie eines Hebblethwaite hinfällig.

Selbst Thomas von Aquin (1225?-1274) schloss die Möglichkeit einer zweiten Inkarnation nicht aus, da ein allmächtiger und unendlicher Gott selbstverständlich zu einer erneuten Inkarnation fähig wäre. Faktisch kam es jedoch nie dazu.

Das theologische Problem liegt gar nicht so sehr in der Vorstellung eines Universums mit anderen intelligenten Wesen. Der ehemalige Direktor der päpstlichen Sternwarte und Jesuit Jose Funes sprach von „unseren außerirdischen Brüdern und Schwestern“. Eine kosmologische Erweiterung der neuesten Enzyklika des Papstes Fratelli tutti. Die Probleme entstehen im Glauben an die christliche Heilsgeschichte, die die amerikanische Theologin Marie I. George so beschreibt: „Die Frohe Botschaft ist, dass die Zweite Person der Dreifaltigkeit Mensch wurde, um uns von der Sünde zu erlösen, sowohl der Erbsünde als auch der persönlichen Sünde. Christus erlöste uns durch seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung von den Toten.“ Sollten Aliens existieren, dann sind sie wahrscheinlich nicht erlösungsbedürftig, denn alles Erlösungsbedürftige in diesem Universum wird von Christus am Kreuz erlöst, so George. Diese Frohe Botschaft müsse also den Aliens mitgeteilt werden – vielleicht durch menschliche Mission, durch Engel oder den Heiligen Geist. Eine zweite Inkarnation ist wegen der Bedeutung des Kreuzes unmöglich.

Hier stellt sich die Frage, wie ein paradiesischer Planet, auf dem das Böse nicht existiert, aussehen sollte? Oder andererseits, wenn es doch Aliens gibt, die sündigen? Dann müsse man das Thema an das Lehramt nach Rom weiterreichen, sagt George. Doch dazu gibt es keine lehramtlichen Aussagen. Um dieser Ratlosigkeit Herr zu werden, hilft es, über das nachzudenken, was wir unter der Person und der Bedeutung von Jesus Christus verstehen. Damit führt der Weg über Aliens zur Kernfrage des christlichen Glaubens.

Der Theologe Armin Kreiner, ehemaliger Inhaber des Lehrstuhls für Fundamentaltheologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, hat einen anderen Ansatz. Die Probleme, die in den von Paine beschriebenen Absurditäten gipfeln, entstehen aus einem bestimmten Verständnis von Inkarnation. Nach Kreiners Ansicht liegt das Problem in der ontologischen Kluft zwischen Inkarnation und Schöpfung, dem Gottmenschen und der Menschheit. Die traditionellen Ansichten über die Inkarnation sind angesichts eines allmächtigen Schöpfers meist unvereinbar mit Aliens. Wenn es möglich wäre, die Inkarnation als ein tief in der Schöpfung selbst liegendes Prinzip zu denken, und Jesus Christus als Manifestation des Göttlichen gedacht werden könnte, dann sind weitere Manifestationen des Göttlichen im Universum nicht undenkbar. Die das Universum entscheidende Erlösungstat liegt nicht in einem einmaligen historischen Ereignis am Rande des Universums, sondern darin, dass das Göttliche wie eine andere Seite der Medaille in der gesamten Schöpfung erfahrbar werden kann.

Auf diese Weise kann jedes Geschöpf im Universum an der Erlösung teilhaben, die nicht im Blutzoll am Kreuz auf Golgotha besteht, sondern in der Zuwendung eines bedingungslos liebenden Gottes, der allbarmherzig Sünden vergibt, Wunden heilt und die gerade jetzt so schmerzlich spürbare Gebrechlichkeit der menschlichen Existenz überwindet. Darin wird die Hoffnung bestärkt, dass die eigene Existenz allen Widrigkeiten zum Trotz einen Sinn hat, ein Ziel verfolgen kann, ein gelingendes Leben ermöglicht und schließlich alles zu einem guten Ende findet.

Wie wir uns als Mensch verstehen, als Person, so verstehen wir uns als Abbild dessen, der uns an Weihnachten als Antwort auf unsere Existenz präsentiert wird. Die Erlösung besteht im personalen Gegenüber mit dem, auf den alles zuläuft. Der Theologe Eugen Biser sagte einmal auf die Frage, wohin denn Jesus Christus auferstanden wäre: In die Herzen der Seinen. Daher liegt im Wesen des Christentums ein mystischer Kern der Begegnung mit dem Auferstandenen, der innigste Kontakt mit der göttlichen Wirklichkeit. Und aus welchem theologischen Grund sollte diese Möglichkeit anderen Geschöpfen verwehrt bleiben? Karl Rahner schrieb in der zweiten Auflage des Lexikons für Theologie und Kirche über Sternenbewohner, dass sie nicht in der Gnade Gottes stehen würden gleichsam wie Menschen. Wenige Jahre später revidierte er diese Aussage und räumte die göttliche Zuwendung als Möglichkeit auch für Aliens ein.

Nicht jede christliche Überzeugung kommt mit der möglichen Existenz von Aliens zurecht. Manche jedoch schon. Sollten sich Aliens einmal melden, wäre das nicht der Untergang des Christentums. Aber vielleicht ein Anstoß, das, was wir als höchste göttliche Offenbarung und Erlösung verstehen, noch tiefer, umfassender, universaler und katholischer zu denken. Damit kann man auch jetzt schon beginnen.