Auf einen Kaffee ins Weltall

Reiche Touristen: Richard Branson und Jeff Bezos eröffnen den Weltraumtourismus. 28 Millionen Dollar für zehn Minuten im Weltraum. Unterdessen läuft eine Petition, sie mögen doch bitte gleich dort bleiben. Zum neuen Hobby der Reichen und Superreichen.

Weltraumtourismus im Kommen. Oder im Gehen. Foto:  Creative Commons

Auf einer kleinen Farm in Ohio baute Neil an einem Modellflugzeug herum. Die einzelnen Teile sollten perfekt zusammenpassen, ohne dass Klebestellen sichtbar wären. Je exakter Neil arbeitete, desto stärker konnte sich seine Phantasie mit dem Piloten identifizieren, der hinter der kleinen Plastikscheibe am Steuer saß. Sein Arm simulierte halsbrecherische Flugmanöver. Das war in den 1930er Jahren, in den 50gern flog Neil bereits Einsätze im Koreakrieg und durchbrach als Testpilot sogar die Schallmauer. Wenig später entwickelte sich aus der Behörde, bei der er angestellt war, die amerikanische Raumfahrtbehörde NASA. Nach kriegsbedingt unterbrochenem Studium des Flugzeugingenieurswesens wurde er 1962 unter 300 Mitbewerbern ausgewählt, um als Pilot die Apollo 11 Mission zu begleiten. Neil Armstrong betrat als erster Mensch den Mond. 1969 ging sein Kindheitstraum in Erfüllung, dem er sein ganzes Leben gewidmet hatte.

Schnelle Erfüllung von Kindheitsträumen

Kindheitsträume und die Wege, sie zu erfüllen, sehen heute anders aus. Manche Kinder träumen heute weniger vom Mond als vielmehr vom Mars. Menschen träumen von einem interplanetarischen Leben in diesem Universum. Die Verwirklichung dieser Träume ist längst nicht mehr wie im letzten Jahrhundert in staatlicher Hand.

Private Unternehmen bewerben sich um Aufträge, die beispielsweise auch die NASA vergibt. Auch die Internationale Raumstation ISS empfängt Wissenschaftler und wissenschaftliche Geräte von überall aus der Welt. Die von Elon Musk gegründete Firma SpaceX führt die Entwicklung an, wiederverwendbare Raketen und Triebwerke zu bauen. Je mehr Privatfirmen es gibt, je mehr Entwicklungen konkurrieren und sich gegenseitig antreiben, desto günstiger werden Lösungen, ins All zu fliegen.

Das ruft Personen auf den Plan, für die Geld keine Rolle mehr spielt. Ein Kurztrip in den Weltraum wird auch für Privatpersonen mit millionenschweren Konten erschwinglich. Ein Kindheitstraum kann verwirklicht werden, ohne ihm sein ganzes Leben gewidmet haben zu müssen. Allein das nötige Geld reicht aus. Das ist natürlich reizvoll, aber sicher nicht mehr so romantisch wie bei Neil.

Die Forbes-Liste im Weltraum

Am 11. Juli 2021 flog Richard Branson, der Gründer von Virgin, an die Grenze zum Weltall mit kurzen Momenten der Schwerelosigkeit. Ziel: 88 Kilometer über der Erde. Bereits 2008 hat das die Simpsons-Serie vorhergesagt in einer Folge, in der sich Milliardäre in einem Sommercamp um sich selbst drehten („The Burns and the Bees“). Der Amazon-Chef Jeff Bezos gratulierte und flog am 20. Juli hinterher. Ein Passagierplatz wurde dabei verlost. Das Gebot mit 28 Millionen Dollar machte das Rennen – für zehn Minuten Schwerelosigkeit. Das markiert den Startschuss in den kommerziellen Raumfahrttourismus.

Einerseits mutet es wie eine Verschwendungssucht von Milliardären an, rücksichtslos ihr Ego gegenüber anderen Forbes-Listen-Mitgliedern zu stärken, andererseits zählt das Fliegen in den Weltraum zu den größten Errungenschaften, die die Menschen bisher erreicht haben. Eine Reise ins Unentdeckte ermöglicht gleichzeitig einen neuen Blick aus der Ferne auf uns selbst.

Wie so oft: Neue Freiheiten bergen neue Verantwortungen

Dabei sollte der Blick aus dem Weltraum heraus auf die Erde die Perspektive weiten. Nahezu jeder hauptberufliche Astronaut empfindet beim Blick aus seinem Visier eine tiefe Ehrfurcht vor der Zerbrechlichkeit der Erde und ihren Ressourcen, die die Menschheit besonders auch für ihre künftigen Generationen zum Überleben braucht. Wenn diese Einsicht, die dieser ausnahmslose Blick ermöglicht, auch hier wieder von egoistischen Motiven getrübt wird, ist erneut eine weitere Chance vertan, endlich verantwortungsvoll mit den begrenzten Mitteln, die wir haben, umzugehen, auch wenn das volle Konto etwas anderes vermittelt.

Kurz:

  • Richard Branson und Jeff Bezos markieren den Startschuss in den kommerziellen Raumfahrttourismus: 28 Millionen Dollar für zehn Minuten
  • Elon Musk wird als erster mit seinem Privatunternehmen im Auftrag der NASA Menschen auf den Mond zu bringen. Ziel ist der Mars – für alle.
  • Kritik: umweltschädlich, wissenschaftlich unnütz, romantisch verklärte Geldmacherei
  • Pro: Neue Möglichkeiten, neue Verantwortung

Der Artikel erschien zunächst auf idowa.de

Hannes Bräutigam