Generationen und Sprachbarrieren

Sprachtrends: Wenn den Generationen die Buchstaben ausgehen

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Wieder einmal erschien ein neuer Beitrag von mir auf dem Blog von idowapro, diesmal über Sprachtrends und was denn noch nach der Generation Z, die eigentlich seit dem Jahr 2010 schon wieder out is, kommen soll. Generation Za? Gen alpha?

Früher gab es ja noch umfassende politische Manifeste, die einen Umsturz herbeiführten. Teils reichen heute die 140 bzw. 280 Zeichen einer Twitter-Nachricht aus. Bei der Zeichenreduzierung kann einem schonmal der Überblick verloren gehen. Der australische Sozialwissenschaftler und Bestsellerautor Mark McCrindle gibt einen Überblick:

Die Generationenfrage beginnt

  • 1925-1945 mit den Builders, gefolgt von
  • 1946-1964 den Baby Boomers,
  • 1965-1979 der Generation X,
  • 1980-1994 der Generation Y und endet bisher im Jahr
  • 2010 mit der Generation Z.

Jede Generation hat ihre Eigenheiten, die einen waren von Radio geprägt, die anderen von iPads, Fans von Glen Miller gefolgt von Fans von Taylor Swift. Aber auch vong Grammatik her. Allerdings versteht die KI von Google auch Grammatik – auch wenn da was schief läuft. Grammatikalische Richtigkeit entscheidet mit über das Ranking, bzw. der User, der grammatikalischen Unsinn auch weniger beachtet. Andererseits ist die Generation Z von wenigen Zeichen, Abkürzungen, kurzen Formulierungen, aber auch von Mehrsprachlichkeit geprägt.  Facebook setzt ein Tool ein, das Trendsprache im Voraus erkennen soll. Und verstärkt andererseits Trendsprache.

Die Figur Willy Nachdenklich inszeniert falschgeschriebene Lebensweisheiten, übertreibt diese satirisch und prägt einen eigenen Sprachtrend: „I bims“ oder „vong—her“. Der Rapper Money Boy soll auch mit der Ersetzung von Buchstaben mit Zahlen begonnen haben. Der Duden schreibt dazu: „Man muss immer auf korrekte Rechtschreibung 8ten. Vong Grammatik her.“

Das Gute dabei ist, dass diese Übertreibungen nur Sinn machen, wenn die passende Regel dahinter gewusst wurde. Die Leser, die das verstehen, wissen meist, wie es richtig heißt. Das Hochdeutsche im Hintergrund wird dabei schon immer vorausgesetzt.

Das kann ein Trend sein, der aber irreführenderweise gar nicht von dieser Jugend ausgeht, die nicht mehr richtig reden und schreiben kann, sondern von einem Erwachsenen. Auf diesen Trend aufzuspringen kann anbiedernd wirken, wenn falsch eingesetzt. Authentizität ist dagegen wirkungsvoller, auch im Content Marketing.

Die Jugend und ihr Sprachverfall

Sprache verändert sich, ganz klar. Aber das tat sie schon immer. Es gab auch mal eine Zeit, in der es noch gar kein Genus gab, also weder feminin noch maskulin. Auch keine aberwitzigen Irrformen, die daraus entspringen.

„Morgen geh ich Kino“ oder „Ischwör Alter, war so“, kommt jetzt auch nicht unbedingt von Jugendlichen mit türkisch-kulturellen Zusatzqualifikationen, sondern von deutschen Teenagern, so die Sprachforscherin an der Universität Potsdam Heike Wiese.

Eine andere Linguistin aus Freiburg beobachtet:

„Viele Jugendliche leben heute in einer mehrsprachigen Umgebung. Das ist für sie viel präsenter als für viele Erwachsene“.

Ihre These: Das, was viele Menschen einfach nur für falsches Deutsch halten, ist zugleich ein wichtiger Baustein in der Entwicklung einer Persönlichkeit. „Unser Eindruck ist, dass die auch anders können, wenn sie wollen“, sagt Kotthoff. Vielmehr handele es sich bei Kiez-Deutsch um eine indirekte Form der Solidarität, ein politisches Statement:

„Die Jugendlichen begründen das zum Beispiel damit, dass in ihrem Kiez mehr Türken leben als Deutsche und ihnen diese auch besser gefallen – etwa, weil die Familien intakt sind und der Vater nicht trinkt. In der öffentlichen Wahrnehmung kommt das wenig vor.“

Jugendliche können sich so eine eigene Lebenswelt erschaffen, die sich auch sprachlich dem Zugriff von Erwachsenen entzieht:

Generationen und Sprachbarrieren

Generationen und Sprachbarrieren

Generationen und Sprachbarrieren

Es gab keine Zeit, in der die Jugend nicht so viel geschrieben hat wie derzeit. Briefe, Tagebücher, Poesiealben geschieht heute auf den Tasten, Facebook, Handy, Chat. Und das so vielfältig wie nie zuvor.

Die Vielfalt der Sprache wächst

Die meisten User können mühelos zwischen unterschiedlichen Stilen hin- und herwechseln. Das „ächz, würg, stöhn“ aus der Comicsprache der 70er benutzten damals Teenager, die heute Professoren für deutsche Sprache sind. Auch die Vermengung von privatem und beruflichem Umfeld bei facebook dient dazu, dass vermehrt Wert auf richtiges Deutsch gelegt wird.

Schweizer chaten gerne im Dialekt, schwenken aber sofort in Schwitzerdütsch um, wenn Außenstehende dazustoßen.  Dialekt stärkt immer noch den Sozialverbund innerhalb einer Gruppe. Andererseits werden hochgekochte Emotionen, sei es von radikalen politischen Ansichten, mit dem Hinweis auf grausame Grammatik eingedämmt. Der deutsche Kulturbürger, der die Bewahrung der deutschen Kultur in Gefahr sieht, aber keine Rechtschreibung und Grammatik beherrscht geschweige denn Goethe-Deutsch, wird nicht aufgrund seiner politischen Position gerügt, sondern wegen seiner Grammatik.

Emotionen können auch auf positive Weise ausgedrückt werden.

Emotionen und Semantik

Generation Z ist von Mehrsprachlichkeit geprägt. Emotionen können nicht national begrenzt werden. Das ist die Wiederentdeckung einer anderen Art von Sprache, die Zeichensprache. Das ist ein approbates Mittel, um Emotionen statt Informationen auszutauschen.

Emojis sind Symbole und Gesichtsausdrücke, die Emotionen ausdrücken und international verständlich sind. Der Boom dieser Art von Verständigung hat sogar das Marketing entdeckt und macht sich eigene Emojis zunutze, kreieren neue und vermarkten ihre eigenen. Ganze Geschichten lassen sich damit erzählen oder Raterätsel. Aber auch das andere Extrem wird wichtiger, das Hochdeutsch.

Hochdeutsch bleibt immer noch unabdingbar

Heike Wiese sieht im Kiez-Deutsch kein Problem – solange die Jugendlichen Hochdeutsch noch beherrschten. Wenn Kreuzberger Jugendliche für Kiezdeutsch-Analysen interviewt werden, antworten sie auf einmal in bestem Hochdeutsch. Bei Schülern im unteren Leistungsdrittel ist tatsächlich ein bedenklicher Abstieg der deutschen Sprache und der Schreibstandards erkennbar, was aber für allgemeine Aussagen immer noch zu schlecht untersucht ist.

Kiezdeutsch ist bei den meisten eher wie eine Zweitsprache neben dem Hochdeutschen, manchmal auch als Provokation, denn sie können auch anders. Bei der Jugend in Kreuzberg kommt noch dazu, was sonst Sprachwissenschaftler eher aufm bayerischen Land beobachten: Wer hochdeutsch spricht, wirkt gerne etwas hochnäsig.

Daneben gibt es noch den Effekt des Haltestellen-Deutsch:  „Ich bin jetzt Friedrichstraße“ oder „Ich steig Zoo aus“. Das sagt kein Migrationsjugendlicher, sondern auch ein 50-Jähriger Anzugträger aus Grunewald.

Fazit

So vong Inhalt her: Den Generationen gehen die Buchstaben nicht aus. Sie ordnen diese nur anders an. Auch nur, wenn sie wollen. Es ist mitnichten ein Zeichen für niedrigen IQ – von ein paar Ausnahmen abgesehen. Im Gegenteil: Das Umschwenken zwischen verschiedenen Sprachstilen setzt etwas voraus, was viele der heutigen Jugend absprechen würden: Die Kenntnis des korrekten Hochdeutschen.

 

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