Können wir die Zukunft vorhersagen?

Von | 25. Juni 2019

Uns ist klar, dass in der Zukunft einmal die Erde verglühen wird. Und wir glauben und hoffen, dass ein Zug pünktlich kommen wird. Was wissen wir also über die Zukunft?

Die Zukunft berechnen oder durch Gedanken beeinflussen? Ob und wie wir die Zukunft vorhersagen können, ist noch nicht klar. Foto: Hubble/ESA/NASA/dpa

Der bayerische Philosoph Karl Valentin stellte fest: „Die Zukunft war früher auch besser.“ Der Chef des IT-Unternehmens IBM prognostizierte 1943 auf die Frage, wie viele Computer einmal die Welt brauchen könnte: „Vier oder fünf.“ 1962 wurde den Beatles vorausgesagt, dass ihre Musik niemals Zukunft haben wird. Gitarrenbands wären langsam out, und so kündigte die Plattenfirma den Vertrag. Wer mit der Bahn fährt, glaubt erst, dass der Zug pünktlich kommen wird, wenn er tatsächlich ins Gleis rollt. Liegen wir immer so daneben, was die Zukunft anbelangt? Oder könnte die Physik die Zukunft sogar berechnen?

Die Götter sollten besänftigt und gütig gestimmt werden

Der Mensch mag keine Unsicherheit. Den großen Naturgewalten, Überschwemmungen, Dürre oder Blitzschlag, stand er machtlos gegenüber. Da der Mensch diese nicht beherrschen konnte, versuchte er, über die Beschwörung von Naturgottheiten Kontrolle über die Zukunft zu bekommen. Mit verschiedenen Ritualen sollten die Götter besänftigt und gütig gestimmt werden.

Mit den Naturwissenschaften wurden Gesetze entdeckt, nach denen sich die Natur zu richten scheint. Aus der Götterverehrung wurde die Berechenbarkeit. Mit der Gravitationstheorie von Isaac Newton können wir heute noch exakt die Bewegungen von Planeten und Sternen voraus berechnen.

In einer Anekdote soll der französische Astronom Pierre Laplace bei seinem Kaiser Napoleon eine wagemutige Hypothese aufgestellt haben: Wenn wir die Position und die Geschwindigkeit aller Teilchen im Universum kennen würden, könnten wir theoretisch die gesamte Zukunft exakt berechnen. Napoleon soll darauf erwidert haben, warum Gott in dieser Theorie nicht erwähnt werde. Woraufhin Laplace antwortete: „Ihre Königliche Hoheit, ich habe keinen Bedarf an einer solchen Hypothese.“

Position und Geschwindigkeit sind entscheidend

Allein die Tatsache, dass wir noch keinen leistungsfähigen Computer haben, der alle Teilchenpositionen kennt und berechnen kann, verhindert die exakte Kalkulation der Zukunft. In der Wissenschaft nennt sich diese Sichtweise Determinismus. Das klingt zunächst faszinierend, wäre da nicht die Entwicklung der Physik der letzten 70 Jahre. Als der Münchner Abiturient Max Planck 1874 Physik studieren wollte, wurde ihm abgeraten. Es sei doch nahezu alles erforscht. Mit Planck kam die Quantentheorie, und alles ist wieder etwas fraglicher und offener geworden. Der Kollege von Max Planck, der Physiker Werner Heisenberg, kam zu der Theorie, dass sich die exakte Kenntnis von Position und Geschwindigkeit der einzelnen Teilchen gar nicht bestimmen lassen. Je genauer die Position bestimmt werden soll, desto weniger weiß man über die Geschwindigkeit und umgekehrt. Allein eine bestimmte Kombination aus Position und Geschwindigkeit wäre exakt berechenbar. Das war ein Schlag gegen Laplace. Das würde bedeuten, dass gerade einmal nur die Hälfte von dem berechenbar wäre, was Laplace angenommen hat. Selbst Albert Einstein, der für seine kreativen Hypothesen bekannt war, beschlich ein deutliches Unwohlsein bei dieser Theorie. Es wäre so, als ob Gott in einer Welt, die von Gesetzen regiert ist, im Himmel permanent würfeln würde, was auf Erden geschehen solle. Einstein sagte dazu: „Gott würfelt nicht.“

Hinzu kommt, dass das, was in Schwarzen Löchern passiert, kaum beobachtbar ist, weil sie alles Licht verschlucken und uns völlig im Dunklen lassen. So wird die Berechenbarkeit der Zukunft zunehmend fraglicher.

Was bringt die Zukunft? Wir stecken in Gesetzen fest

Der Physiker Stephen Hawking behauptet in seinem Buch „Kurze Antworten auf große Fragen”, dass sich die Vorhersagbarkeit der Zukunft vermutlich auf die Kombination von Geschwindigkeit und Position von Teilchen begrenzen wird. Dabei bewegen wir uns noch auf der Ebene von physikalischen Gesetzen.

Es ist noch keine Rede vom menschlichen Verhalten, dem Zufall oder dem Zeitpunkt, wann der nächste DB-Zug einfahren wird: #DBakel.

Kurz und knapp

• Vor der Entstehung der Naturphilosophie wollten die Menschen die Zukunft mithilfe von Göttern beherrschen.

• Der französische Astronom Pierre Laplace hielt die Zukunft für ausnahmslos berechenbar, vorausgesetzt, die Position und Geschwindigkeit jedes Teilchens im Universum wären bekannt.

• In der Quantenmechanik wurde deutlich, dass die gleichzeitige exakte Kenntnis von Geschwindigkeit und Position nicht möglich ist, nur eine Kombination beider Größen.

• Die Zukunft bietet weiterhin einen Raum zu hoffen und zu gestalten.