Zurück zu den Ursprüngen am Lauf des Iseltrails

Von | 20. September 2020

In fünf Etappen auf 74 Kilometern und 2100 Höhenmetern erstreckt sich eine Reise vom Meran Osttirols zum Ursprung des Gletscherflusses Isel bei der Dreiherrenspitze. Ein Weg zu sich selbst.

Das Ende und der Anfang des Iaeltrails mit Bergführer Sigi Hatzer. Foto: Hannes Bräutigam

Fünf Tage lang einem Fluss von seiner Mündung zu seinem Ursprung zu folgen ist schon fast eine philosophische Wanderung. In der Mündung ist der Lebensweg des Flusses nicht mehr klar umrissen, er geht auf in ein größeres Ganzes. Der Weg zu seiner Quelle ist eine Reise in die Vergangenheit und doch dazu geeignet, seine jetzige Gestalt zu verstehen. Unterwegs wird der Fluss gebeutelt in den unterschiedlichsten Ausformungen und Lebenslagen.

Osttirol bietet mit der Mündung der Isel, der noch am längsten freifließenden Gletscherflüsse der Alpen, in Lienz bis zum Ursprung am Gletschertor im Nationalpark Hohe Tauern die Gelegenheit, die Natur zu genießen oder über den Lauf der Dinge nachzudenken. Das sind 74,19 Kilometern mit ingesamt 2169 Höhenmetern, die seit Frühjahr 2020 in fünf Etappen begehbar sind.

Vom Meran Osttirols zur Schneegeburt

Dank öffentlicher Busse kann die gesamte Isel von einer einzigen Unterkunft begangen werden, von Teilstrecke zu Teilstrecke mit mehreren Unterkünften oder mit dem Zelt von Campingplatz zu Campingplatz. Für die letzte Etappe zur Gletscherzunge des Umbalkees unterhalb der Dreiherrenspitze mit 3499 Metern ist eine Übernachtung auf der Clarahütte notwendig.

Die Mündung der Isel in die kleinere Drau bei Lienz ist noch geprägt von mediterranem Flair, das Meran von Tirol. Über das Iseltal, das Virgental und Umbaltal durchläuft sie romantische Kaskaden, mit Farnen gesäumte Schluchten und für den Menschen lange unerreichbare Felsabstürze, die das Ursprüngliche bereits erahnen lassen. Dass dieses Naturereignis für Wanderer mit mittlerer Gebirgserfahrung erhalten und erfahrbar bleibt, ist eine Leistung, der sich besonders der 82-jährige Pensionär und gebürtige Innsbrucker Dr. Wolfgang Retter verschrieben hat.

Ein Naturschatz mit Wert an sich

Außerhalb des Nationalparks entstand eine kontroverse Diskussion, wie die Naturgewalt der Isel und ihre umgebende Natur genutzt werden kann. Im Sommer könnten die Wassermassen vom Gletscher ein rentables Kraftwerk betreiben, das viel Geld in die Gemeindekassen spülen würde. Die andere Seite sieht in der freifließenden Isel einen Naturschatz, der an sich bereits einen Wert besitzt und für die nachfolgenden Generationen erhalten werden muss. Das Projekt Kraftwerk wurde mit Skepsis betrachtet: „Mit der Stromtrasse, der transalpinen Ölpipeline und dem Hauptkabel der österreichischen Post ist das Tal voll genug“, sagt Wolfang Retter, der sich das Projekt Isel von Anfang an zu Herzen genommen hat. Anfang 2020 ist das Projekt Iseltrail soweit fortgeschritten, dass es bis auf wenige Ausnahmen für den Tourismus freigegeben ist.

Sogenannte Ausschüttungsbecken sorgen dafür, dass eine Überschwemmungskatastrophe, wie in den 1860er Jahren passiert ist, nicht noch einmal geschehen soll. Die Osttiroler hatten die Besiedelung des Tales schon beinah aufgegeben. Teils regen sich noch Diskussionen an den Nebenflüssen, die die Idee von Kraftwerken nicht aufgeben wollen, doch der Ausbau des Iseltrails schreitet voran, mehrere Getränkestationen ermöglichen einen plastikfreien Wandergenuss.

Vom rauhen Ursprung zum Neustart

Über die Schluchtvegetation, die Gamsen und Murmeltiere kommen die Bartgeier immer näher. Die Natur erschließt sich prächtig, lässt man sich von erfahrenen Rangern wie der Maria Mattersberger oder der Großvenediger Legende Sigi Hatzer führen. Die Gastgeber der Clarahütte vermitteln bei Gitarre, Gesang und hervorragender regionaler Kost den unverfälschten Ursprung, wie er nur noch eine Übernachtung am Fluss entfernt ist. Wer nicht bis zur Hütte will, erfährt ähnlichen Genuss in der „Heimat“, eine Pension, die sich ein Fünf-Sterne-Manager mit seiner naturheilkundlichen Expertin und Lebensgefährtin zur derselbigen gemacht haben.

Das Ziel, eine Gesteinspyramide unterhalb des Gletschers, muss sich verdient werden. Über kurze gesicherte Passagen, die etwas Reibungskletterei erfordern, spannt sich ein nahezu versandeter Gletschersee, an dem sich ein paar Schafe tummeln. Hier lohnt sich ein Innehalten, ein Nachdenken angesichts eines ehemals tösenden Gletscherflusses, der sich hier friedlich seine Bahn durch Grasmatten sucht. Danach geht es wieder zurück ins Meran Osttirols, um gestärkt seinen eigenen Weg weiterzugehen.

Infokasten:

www.iseltrail.at, www.osttirol.com; www.nationalpark.osttirol.com. Unterkunftsbuchungen bei TV Osttirol, Tel. 050/212 212, Mail: info@osttirol.com

Heimat: www.heim-at.com, Tel.: 04877/20084

Iseltrail Etappen
Von 1 Lienz nach
2 St. Johann im Walde (4:30 h, 16.1 km, 80 hm), nach
3 Matrei in Osttirol (4 h, 14.5 km, 227 hm), nach
4 Prägraten am Großvenediger (5 h, 16.1 km, 556 hm), zur
5 Clarahütte (4:30 h, 11.3 km, 765 hm) zur Gletscherzunge am Umbalkees (5:30 h, 16.1 km, 475 hm).

Von Hannes Bräutigam. Mit freundlicher Unterstützung des Tourismusverbands Osttirol.