Zur Trennung von grammatischem Geschlecht und biologischem Geschlecht

By | 20. September 2017
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Die website Belles Lettres – Deutsch für Dichter und Denker  hat für meine Begriffe wunderbar das Gendering in der Sprache zur Sprache und auf den Punkt gebracht.1 Allerdings ist dieser Artikel auch ellenlang. Ich halte das für unbedingt verbreitungswürdig und daher hier mein Versuch, das, was mir im Gedächtnis blieb, selbst wiederum auf den Punkt zu bringen.

Der Untertitel des Artikels lautet: „Die wissenschaftliche Erforschung des deutschen und indogermanischen Genussystems im Gegensatz zum ideologischen Gendersprech.“

…Genus, nicht Genuß, wobei das Lesen des Artikels doch auch ein derselbiger ist. Halt lang.

Ergebnis: Das grammatische Geschlecht trifft keine Aussage über das biologische Geschlecht

  1. Das Maskulinum ist das Standardgeschlecht.
  2. Zum Neutrum gehören Substantive, die den Inhalt oder das Ergebnis einer konkreten Hand­lung bezeichnen.
  3. Zum Femininum gehören Ableitungen mit komplexer abstrakter Bedeutung und einem speziellen Suffix.

Das Ganze im Gedankengang des Artikels:

Die Entwicklung des grammatikalischen Genus und der Ideologie, die auf viel Unwissenheit aufbaut

Verteter des Gendersprech unterliegen der falschen Ad-hoc-Annahme, dass es sich bei Formen wie Geschäftsführer um männliche Formen handelt. Vielleicht auch wie dem Büstenhalter. Eine Erweiterung durch ein Suffix -in verschafft dem Geschäftsführer eine zusätzliche Information, nämlich dass es sich dabei um eine Frau handelt. Beim Geschäftsführer fehlt allerdings diese Information, also es gibt kein zusätzliches Wortbestandteil, das uns verrät, dass es sich ausschließlich nur um Männer handelt. -er steckt auch in Geschäftsführerin mit drin. Allerdings wird das -er durch das -in vollständig in seinem Inhalt getilgt, aber nicht in seiner Form, es steckt weiterhin mit drin, wird aber inhaltlich gestrichen. Dabei ist auch den Juristen und Richtern, die diesem Irrtum obliegen, noch kaum ein Vorwurf zu machen: Denn das grammatische Geschlecht stimmt mit dem biologischen Geschlecht ziemlich gut überein, oder wie es der Autor von Belle Lettres ausdrückt: „Der Trug drängt ihn [den Laien] zu großen Taten.“ Ok, der Mann, die Frau, das Ding – das haut noch einigermaßen hin. Aber wer erklärt dann der Löffel, die Gabel, das Messer? Der Büstenhalter, die Brustbehaarung? Da wird schon etwas weird langsam…

Zum Ursprung der grammatischen Geschlechter

Sprache ist das, was gesprochen wird. Es ist kein durchdachtes und komplett stringentes Formelsystem. Nicht umsonst ist Sprache lebendig, und das schließt natürlich Veränderungen und Entwicklungen mit ein. Und Sprachforschung zeichnet vergangene Entwicklungen nach. Es gab also kein goldenes Zeitalter, in dem das grammatische Geschlecht fehlerlos das biologische Geschlecht widerspiegelte.

Im Gegenteil, es gab eine Zeit, in der es überhaupt keine Genera gab. Das wird in der ursprachlichen Phase des Urindogermanischen am Schwarzen Meer und nördlich davon verortet.

Das s-Wort: Kommt in einem Satz ein Subjekt und ein Objekt vor, wird das Subjekt, das für eine Handlung steht, mit einem -s markiert. Ein Freund pflückt einen Apfel, lat. amicu-s, griech. philo-s. Fehlt der Apfel, also das Objekt, fällt das -s weg, der Marcus hieß dann im Zuruf (Vokativ) eben Marce-o oder griech. Phile-o. Das ist völlig unabhängig davon, ob das Subjekt beseelt, belebt ist oder nicht.

Das m-Wort: Es gibt Substantive, die nicht als Handlungsträger dienen, sie bezeichnen das Ergebnis einer Handlung (zB das Geschirr = jugo-m). Oder wenn der eben erwähnte Freund als Objekt dient, dem Freund, amicu-m. Das m-Wort kann seinerseits wiederum zu einem Subjekt werden, über das etwas ausgesagt wird, dann behält es dennoch das -m als Endung und übernimmt nicht das -s. So ist das Neutrum als erstes Genus entstanden und erklärt auch, warum ein Neutrum im Nominativ und Akkusativ die gleiche Endung hat. Merke: Das Neutrum bezeichnet ein Ergebnis einer Handlung oder eine Abstraktion einer Handlung. Das erste Genus.

Jetzt kommt das Maskulinum. Die s-Wörter. Das Standardgenus. Was nicht Neutrum ist, ist Maskulinum. Wenn ein Wort aus einer anderen Sprache entlehnt wird, wird es mit dem Standardgenus versehen: Der Code, der Gig, der Thread etc.  Ein Ergebnis einer Handlung bekommt das Neutrum: Das Tuning, das Must-Have.

Ergebnis: Das natürliche, biologische Geschlecht ist der Grammatik und dem Sprachzentrum wurscht. Das Sprachzentrum ist als autonome Instanz unseres höheren Denkens zwar an den Verstand angekoppelt, welcher allerdings nur einen bedingten Einblick in das Sprachzentrum hat. Das Sprachzentrum bringt alles, was es mit dem grammatikalischen Genus auf sich hat, einwandfrei auf die Reihe. Außer man prügelt ihm künstlich etwas ein. Wie die Geschäftsführerin. Das Sprachzentrum erkennt darin ein Wort mit 13 Buchstaben. Was eine Frau ist, ist Sache des Verstandes.

Viele ältere Sprachen kennen sonst kein weiteres Genus wie etwa die anatolischen Sprachen, viele davon bereits in der Antike ausgestorben. Erst nach Abspaltung der Anatolier bildet sich ein Femininum im Gemeinindogermanischen.

Neutra bildeten im Spätindogermanischen keinen Plural. Mehrere Wörter bilden zwar ein Kollektiv, verhalten sich aber wie ein Gesamtes, also eines. Daher werden Neutra auch im Plural teils wie Singular behandelt, griech. panta rhei alle Dinge fließt. Die Endung ist hierin -a. Anim-a, democrati-a, das -a bezeichnet nicht nur ein Kollektiv, sondern ein Abstraktum, abstrakte Sachen: die Liebe, die Kunst, die Demokratie, die Schönheit. Schon haben wir das Femininum.

Das Genussystem an drei Beispielen

wegh = bewegen, wiegen, wägen, wagen. Standardgenus als s-Wort, als Nomen = wegho-s, der Weg. Als Neutrum ist es das Gewicht, das, was man bewegt. Als Abstraktum ist es die Waage, die Bewegerei.

fallen: der Fall, die Falle, das Fallen, das Gefälle.

Das ist unser Genussystem vom Spätindogermanischen bis jetzt. Dem Sprachzentrum sind Unterschiede zwischen Mann und Frau nicht zu vermitteln. Geschlechtsspezifisch sind nur die Worte, die Männer als Männchen und Frauen als Weibchen bezeichnen. Das Urindogermanische kennt so eine Endung wie -in gar nicht.

Endungen auf -er bezeichnen ein Standardgenus. Wenn damit ausschließlich Männer bezeichnet werden sollen, muss das in der Wortbedeutung drinstecken, der Herr, der Vater. Beim Geschäftsführer ist nix spezifisch männlich. BÜrger bezeichnet geschlechtsindifferent alle Menschen, die Bürger sind. Bürgerinnen nur die weiblichen.

Gendersprech

Das Positive: Rein sprachlich ist nichts gegen die Formulierung Bürgerinnen und Bürger einzuwenden – wenn man die Frau unbedingt gesondert erwähnen will. Es ist eine Erschwernis in der Sprache, die ausdrücken will, dass Frauen gegenüber Männern mit gleicher Wahrscheinlichkeit auftreten sollen – es faktisch aber nicht sind. Funktioniert das? Im Rest der Welt verzichtet man auf sowas.

im Alltag ist es völlig unüblich, weil es einfach nicht funktioniert, wie gesagt, es ist zuallererst eine Erschwernis. Oder habt ihr schonmal so einen Satz gesagt wie „Die Verkäuferinnen und Verkäufer dort sind aber ganz schön unfreundlich“? Das sagt keiner, außer er hat irgendwelche propagandistische Motive. Und die finden sich nur im Verstand, aber nicht im Sprachzentrum.

Witzigerweise treten diese Motive in den Bereichen vermehrt auf, in denen Männer das Sagen haben: Bundestag, Vorstände, Straßenverkehrsordnung. Diese wurde komplett auf Gendersprech umgeschrieben. Von einem Verkehrsminister. Mit fünf männlichen Sekretären. Belle Lettres trifft es:

„Würde es die Gleichstellung der Frau nicht eher fördern, wenn sich der Minister an dieses Gesetz hielte, als wenn er das deutsche Weibsvolk in Wort und Schrift besingt wie Walther von der Vogelweide?

Die Frauenbeauftragte der LMU in München hält das Gendersprech für eine unerlässliche Notwendigkeit der Gleichstellung von Mann und Frau. So etwas basiert allerdings weder auf einem Gesetz noch auf einer sprachwissenschaftlichen Erkenntnis. nicht zu sprechen davon, dass Frauen in der Führungsetage der LMU schwer zu finden sind. Auch hier beschreibt die website als Gegenbeispiel die Uni von Island: Die

„quillt dagegen inzwischen vor Frauen nur so über. Obwohl man dort für gender­gerechte Sprache nur das landes­typische schal­lende Lachen übrig hat, zeigt die Stellen­beset­zung bis hinab zur Haus­meiste­rei ein Gleich­maß an Männern und Frauen, das der Arche Noah das Wasser reichen kann.“

Gender Studies hat bereits die Erkenntnisse, bevor überhaupt auf Forschung zurückgegriffen wurde. Das Geschichtsbild der Gender Studies ist „reiner Gaukel“. Es ist Teil einer politischen Bewegung: „Der Mann unterjocht die Frau seit Jahrtausenden, die Sprache dient ihm dabei als Werkzeug, indem sie nur vom Manne spricht und nicht von der Frau.“ Was sich als Wissenschaft versteht, ist eigentlich ein Abklappern der Sprachgeschichte nach Belegen, die das untermauern. Sollten Widersprüche auftreten, ist nicht diese These falsch, sondern mei, ham die Männer halt was vergessen, mit dem sie die Frauen grammatikalisch unterdrücken könnten. Das ist eine „antiwissenschaftliche Ideologie“. Und das hört nicht auf. Auch der Drang, sich gebildet geben zu wollen, macht vor dem Override des Sprachzentrums durch verstandesmäßige Tiefflieger nicht halt. Der Plural von Bonus lautet nicht Boni, um sich den Touch des Altsprachlers zu geben, sondern Bonusse, weil es ein Lehnwort aus dem Business Englisch ist und nicht aus dem Lateinischen. Journalisten machten aus dem neutrumlosen italienischen Konklave ein das Konklave statt der Konklave, auch weil sie dachten, es könnte was mit Latein zu tun haben. Auch nicht konsequent, denn sollte es ein Neutrum sein, hieße der Plural die Konklavien und nicht die Konklaven. im Lateinischen lautet es auch pontificatus, also der Pontifikat, statt das Pontifikat.

Unser Genussystem hat nichts mit Frauen und Männern zu tun, sondern ist eine Instanz unseres Sprachzentrums, das unsere Lebensbedingungen irgendwie mit unserem Wortschatz abgleicht. Mit dem biologischen Geschlecht ist es genau anders rum: Die Frau ist das Standardgeschlecht, der Mann das Spezifikum. Das mit den Chromosomen. Ein symmetrisches Genussystem oder gar ein geschlechtsneutrales würde auf der Sprachebene nicht funktionieren. Das Ergebnis wären Fehler bei genuslosen Substantiven und Menschen ohne Geschlechtsorgane. Der Eiertanz mündet dann in der willkürlichen Wahl von am wenigsten falschen Maßnahmen. Gefühlt. Was rauskommt, ist eine Verschleierung von Ungleichstellungen auf sprachlicher Ebene – genau das Gegenteil, was mit dem  Eiertanz und Eiertänzerinnen bezweckt werden sollte. Der Geschäftsführer und der Büstenhalter haben beide den gleichen bestimmten Artikel.

Ein paar weitere Zitate:

„Wo Männer das Sagen haben, wird keine Gelegenheit ausgelassen, die Frau durch Doppelformen zu würdigen.“

„Der Rat der Universität Islands quillt dagegen inzwischen vor Frauen nur so über. Obwohl man dort für gender­gerechte Sprache nur das landes­typische schal­lende Lachen übrig hat, zeigt die Stellen­beset­zung bis hinab zur Haus­meiste­rei ein Gleich­maß an Männern und Frauen, das der Arche Noah das Wasser reichen kann.“

„Als Geschichtsbild der Gender Studies ergibt sich dies: Obwohl die Frau seit so langer Zeit sprechen kann wie der Mann und seit jeher die Hälfte jeder Popu­lation ausmacht, hat sie jahr­tausende­lang nichts gesagt und ist erst durch die moderne Frauen­bewegung zu Bewusst­sein und Sprache gekommen wie auf dem Planeten der Affen. Wenn sie doch gesprochen hat, durfte sie die Sprache höchstens mit­benutzen und musste so sprechen, wie es ihr der Mann vorgab. An der Entstehung und Entwicklung des Deutschen hatte sie keinen Anteil.
Wer nun nicht mehr aufhören kann zu lachen, …“

„Personenbezeichnungen auf ·er werden in der Genderideologie als Unter­drückungs­instru­ment an­gesehen, weil sie wie der Büstenhalter grammati­kalisch maskulin sind.“

„Im Tür­ki­schen gibt es kein Genus und nur ein Pro­nomen für alles. Die historisch be­grün­dete Domi­nanz des Mannes kann es dort folglich nicht geben.“

  1. http://www.belleslettres.eu/artikel/genus-gendersprech.php
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